Ökologisch Reisen in der Normandie, Frankreich

Blick auf das Kloster auf dem Mont St. Michel an der Küste der französischen Normandie, Frankreich - © Max Topchii / Fotolia
© Max Topchii / Fotolia

Die Normandie ist eine der schönsten und vielfältigsten Regionen Frankreichs. Die historische Provinz weist neben der direkten Lage am Meer weltberühmte Sehenswürdigkeiten wie das Kloster Mont-Saint-Michel oder der Pont de Normandie auf.

Vor allem sonnenhungrige Frankreich-Urlauber haben in der Regel eher die südfranzösischen Strände an Mittelmeer und Atlantik im Sinn. Für Kulturbegeisterte dagegen sind die Schlösser im Loire-Tal und natürlich Paris Traumziele. In diesem Sinne gerät die Normandie bei vielen Reisenden ein wenig in Vergessenheit.

Eigentlich vollkommen zu Unrecht. Die Region, die sich in fünf Départements untergliedert, erstreckt sich von Cherbourg im Westen bis nach Le Tréport im Osten und nach Mortagne-au-Perche im Südosten. Damit deckt sie fast 30.000 Quadratkilometer einer sehr ursprünglichen und malerischen Landschaft ab. Eher still ist es hier. Das liegt an den vielen Weiden, Wäldern, kleinen Bächen und Apfelplantagen.

In der Normandie befindet sich eines der Herzstücke französischer Landwirtschaft und der Ursprung einiger kulinarischer Genüsse, die wir mit dem ganzen Land verbinden, wie zum Beispiel die drei normannischen C’s Camembert, Cidre und Calvados und dazu noch unzählige Spezialitäten aus dem Meer. Rechnet man dann noch die uralten und wunderschönen Städte wie Dieppe und Rouen hinzu, sind alle Voraussetzungen für einen Traumurlaub in Frankreich erfüllt.

Beste Reisezeit für die Normandie

Die Normandie ist ein touristisch beliebtes Ziel – allerdings nicht unbedingt für Reisende aus dem deutschsprachigen Raum, sondern Angehörige anderer Nationen. Und in dem „Wann“ man dorthin reist, liegt einer der zentralen Punkte mit denen man seinen Trip vergünstigen kann: Indem man zeitlich flexibel ist.

Gerade an der Küste der Normandie liegt das an einer historischen Besonderheit: Hier fanden im Juni und Juli 1944 erbitterte Schlachten nach der amphibischen Landung der Westalliierten im Kampf gegen Deutschland statt (was unter anderem das „alte“ Caen vollständig zerstörte). Vor allem im Bereich der damaligen Landungsabschnitte zwischen Quinéville im Westen und Merville im Osten finden alljährlich rund um den 6. Juni sehr viele Gedenkveranstaltungen, Schlachtnachstellungen und dergleichen statt.

Rund um dieses Datum wird es also nicht nur generell sommerlich-voll sein, sondern es werden sich noch einige tausend Touristen mehr in der Umgebung befinden – was überdies auch die Unterkunftssuche stark erschwert. Viele Häuser, auch fernab der Landestrände, sind schon auf Monate im Voraus ausgebucht, besonders vor runden Jubiläen.

Für günstigen Urlaub in der Normandie sollte man den Zeitraum von Anfang Mai bis Ende August generell meiden. Damit versäumt man zwar die Schönheit der Apfelblüte, dafür sind außerhalb der Hochsaison die Preise niedriger. Dazu kommt dass viele Pariser vor allem an den Wochenenden an die Normandiestrände ans Meer fahren. Allerdings hat es für den Urlaub wirklich gar keinen Nachteil, außerhalb der Saison anzureisen. Das Klima der Normandie ist ganzjährig ziemlich mild und feucht. Große Temperaturunterschiede gibt es nicht – wohl aber wesentlich mehr Ruhe, wenn man außerhalb der Hochsaison anreist.

Tatihou besuchen

Wer als Tourist unterwegs ist, sorgt schon durch seine Präsenz dafür, dass die Umwelt leidet. Etwa, weil für ihn gekocht, geheizt, gewaschen werden muss. Für ökologisch bewusste Reisende empfiehlt sich daher ein Besuch auf der Île Tatihou in der Bucht von Sait-Vaast-la-Hougue. Die Insel hat zwar einige Mitarbeiter, aber keinen einzigen Bewohner. Sie ist ein enorm wichtiges Naturschutzreservoir und steht als solches nur von Rangern geführten Besuchen offen, die per Amphibienfahrzeug dorthin gebracht werden.

Durch die Eintrittskosten leistet jeder Besucher seinen Beitrag, dieses kostbare Areal, das vor allem ornithologisch von großer Bedeutung ist, zu schützen und lernt nebenbei auch noch etwas über die Tier- und Pflanzenwelt der normannischen Küste. Eine sehr gut funktionierende Zweckbeziehung, von der beide Seiten profitieren.

Die Bocages erwandern

Die Normandie kann mit einer einmaligen landschaftlichen Besonderheit aufwarten: Den Bocages, Frankreich - © philippe Devanne / stock.adobe.com
© philippe Devanne / stock.adobe.com

Natürlich könnte man bei einem Normandie-Urlaub ganztägig mit dem Auto unterwegs sein und sich Sehenswürdigkeiten ansehen. Allerdings wäre das weniger gut für die Umwelt und sicherlich auch nicht sparsam. Der weltberühmte Teppich von Bayeux etwa, im gleichnamigen Normandie-Städtchen, hängt in einem Museum, das pro Kopf bereits fast zehn Euro Eintritt verlangt.

Solcherlei Touristen-Spektakel kann man sich als Urlauber tatsächlich schenken – und sich lieber auf die natürlichen Seiten konzentrieren. Hier kann die Normandie mit einer in ganz Europa nahezu einmaligen landschaftlichen Besonderheit aufwarten: Den Bocages. Diese erstrecken sich von Cherbourg bis hinunter nach Avranches und Alencon. Dabei wurde die Landschaft schon vor Jahrhunderten durch keltische Bauern in nur wenige hundert Quadratmeter große Areale eingeteilt.

Als Grenze dienen Wälle und Hecken, die sich heute zu märchenhaften Grün-Tunnels entwickelt haben. Nicht nur faszinierend anzusehen, sondern größtenteils nur zu Fuß oder per Fahrrad zu erkunden, weil viele der Wege zwischen den Wallhecken zu eng für Autos sind. Und zudem ebenfalls ein wichtiges Biotop, das in den vergangen Jahren verstärkt wieder gepflegt und erneuert wird.

Ökologisch-sparsam nächtigen

An den Stränden der Normandie findet man sie ebenso wie viel weiter südlich, wo sie mit dafür verantwortlich sind, dass das Mittelmeer mit immer mehr Plastik verschmutzt wird. Die Rede ist von den großen, umweltschädlichen, oft auch entsprechend teuren Touristenburgen mit Balkon, Klimaanlage und Zimmerservice. Kein Ort für jemanden, der seinen ökologischen Fußabdruck klein halten möchte.

Doch just in der Normandie, gerade weil es hier noch so viele Klein- und Teilzeitbauern, Ökobauern und Natur-Aussteiger gibt, ist man längst nicht so auf die Tourismusangebote angewiesen, wie anderswo.

Abermals wegen der Landungs-Gedenkfeierlichkeiten mit ihren Besucherströmen gibt es im nördlichen Küstenbereich praktisch kaum Privatpersonen, die sich nicht durch das Vermieten eines Zimmers unter ihrem Dach ein kleines Zubrot verdienen. Und via Airbnb und ähnliche Dienste kann mal solche Übernachtungen auch in der restlichen Normandie gut vorplanen, ohne erst vor Ort sein zu müssen und an eine möglicherweise verschlossene Türe zu pochen.

Den kleinen Bauern helfen

Die Normandie, die Äpfel und die Milch. Das ist eine Geschichte mit zwei Erzählsträngen. Der erste ist jener der großen Landwirtschafsindustrien. Dort, wo alljährlich Hochleistungskühe Millionen Liter Milch produzieren, um die Supermarkt-Kühlregale bis weit über Europas Grenzen hinaus mit echtem Normandie-Camembert (eine geschützte Herkunftsbezeichnung) füllen zu können. Und auch dort, wo gigantische Apfel-Monokulturen ebenso schädlich für die Tierwelt sind, wie anderswo gigantische Zitronen- oder Kirschplantagen.

Der zweite Erzählstrang ist ein anderer. In ihm kommen abermals kleine Bauern vor. Ein dutzend normannische Kühe auf der Weide, ein paar Apfelbäume, die vielleicht nicht die schönsten, aber definitiv chemiefreie Äpfel produzieren.

Auch sie bieten ihre Produkte feil – allerdings nicht im Supermarché. Sie haben einen Stand vor dem Haus – manchmal auch nur ein Schild „Vente a la Ferme“ an der Wand. Ihr Cidre ist vielleicht nicht so durchgehend einfarbig wie die Industrie-Jahrgänge, der Käse hat keine genormten Abmessungen. Aber die meisten Produkte sind um Längen ursprünglicher, normannischer, köstlicher. Und wer diesen Bauern, statt den Großen, die Ware abkauft, hilft dabei, dass sie überleben können – und kann sich nebenbei für kleines Geld einen gigantischen Picknickkorb zusammenstellen, um es sich zwischen den Bocage-Hecken schmecken zu lassen.

Die Normandie, dort, wo Hochleistungskühe Millionen Liter Milch produzieren, um die Supermarkt-Kühlregale mit echtem Normandie-Camembert füllen zu können, Frankreich - © Cristiano Gala / stock.adobe.com
© Cristiano Gala / stock.adobe.com

Radwandern in der Normandie

Der letzte Punkt betrifft die Fortbewegung bzw. das Anreisen in die Normandie. Hier empfiehlt sich die Eisenbahn für die An- und Abreise bzw. die Fortbewegung innerhalb der normannischen Großregion (Anreise erfolgt von Deutschland aus meistens über Paris). Im Urlaub jedoch sollte man zentral das Rad benutzen.

Denn für diese Art der Fortbewegung ist die Normandie durch ihre tausenden Radweg-Kilometer prädestiniert. Und wer etwas besonders Natürliches erleben will, orientiert sich an den Schildern „Voies Vertes“, „Grüne Wege“. Das sind über 500 Radwegkilometer, die speziell nur durch die Natur führen und für den langsam Reisenden die atemberaubende Landschaft der Normandie unvergesslich machen.