Atomkraftwerk Zwentendorf, Österreich

Das AKW Zwentendorf ist das weltweit einzige voll funktionsfähige Atomkraftwerk, welches völlig gefahrlos von Zivilisten betreten werden kann, Österreich - © James Camel / franks-travelbox
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Das AKW Zwentendorf ist das weltweit einzige voll funktionsfähige Atomkraftwerk, welches nie in Betrieb ging und daher bis in seinen innersten Kern völlig gefahrlos von Zivilisten betreten werden kann.

Das Atomkraftwerk im niederösterreichischen Zwentendorf ist das einzige AKW der Welt, welches von Besuchern ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen betreten werden darf. Denn es ist das weltweit einzige voll funktionsfähige Kernkraftwerk, in dem niemals lebensgefährliche radioaktive Strahlung entstand. Heute gilt das Milliardengrab als größte Investitionsruine Österreichs und dennoch als Meilenstein in der Wirtschaftsgeschichte der Republik.

BILDER: Atomkraftwerk Zwentendorf

 

Ein Atomkraftwerk als Museum

Seit 2010 werden im AKW Zwentendorf kostenlose Führungen angeboten, die stets Monate im Voraus ausgebucht sind. Mit Bauarbeiter-Helmen als einzige Sicherheitsausstattung geht es nach einem Vortrag über die außergewöhnliche Kraftwerks-Geschichte in das eindrucksvolle Gebäude. 1050 Räume ohne ein einziges Fenster warten auf die Besucher. Handy-Empfang ist unter den 1,5m dicken Stahlbeton-Mauern eine Wunschvorstellung.

1050 fensterlose Räume und 1,5m dicke Stahlbeton-Mauern empfangen die Besucher des AKW Zwentendorf, Österreich - © James Camel / franks-travelbox
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Tipp: Führungen durch das Atomkraftwerk Zwentendorf erfolgen immer freitags, Anmeldungen können online auf der Website des AKWs erfolgen. Termine werden in Raten freigegeben und sind meist Monate im Voraus ausgebucht.

Rundgang durch das AKW Zwentendorf

Erster Zwischenstopp der Führung ist in der Umkleidekabine, wo die Schutzkleidung der Arbeiter, vom Anzug über Handschuhe bis zur Unterwäsche, zu sehen sind. Nichts, was einmal im Reaktorbereich war, durfte mit nach Hause genommen werden.

Blick in den Reaktorschacht

Nächstes Ziel ist bereits das spektakuläre Herz des Kernkraftwerks – die 25m hohe Reaktorhalle. Anhand eines Brennstabes wird seine Funktion erklärt. 64 Brennstäbe bildeten einst ein Brennelement (Kostenpunkt: 500.000 Euro), 484 davon trieben das Kraftwerk an. Diese Energie reicht 7 Jahre, danach müssen die Brennstäbe im benachbarten Wasserbecken 10 Jahre lang abkühlen, damit sie transportierfähig sind. Der überschüssige Dampf wurde am oberen Ende der Decke in den 110m hohen Abluftkamin geleitet, der außerhalb des Gebäudes als gigantischer Rauchfang sichtbar ist. Unvergesslich: Der Blick in den Reaktorschacht – nirgendwo sonst auf der Welt ist dies möglich.

Nirgendwo auf der Welt außer in Zwentendorf, Österreich, ist der Blick in den Reaktorschacht eines Atomkraftwerks möglich - © James Camel / franks-travelbox
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Rundgang durch die Kondensationskammer

Noch spektakulärer und ebenfalls einzigartig auf der Welt ist der Besuch der Kondensationskammer, die direkt unterhalb des Reaktors liegt. 2.800 Kubikmeter Wasser schützen hier den Reaktor vor Überhitzung. Radioaktivität und Temperatur sind hier bei Betrieb absolut lebensgefährlich. Ist die Innenwand der Kondensationskammer einmal beschädigt, tritt Strahlung aus und das gesamte Kernkraftwerk kann nie wieder in Betrieb genommen werden. Der Durchbruch der Tür, durch die die apokalyptisch anmutende Kammer betreten wird, war somit der Todesstoß für das Atomkraftwerk Zwentendorf.

Die Kondensationskammer des AKW Zwentendorf wäre bei Betrieb geflutet gewesen, um eine Überhitzung des Reaktors zu verhindern, Österreich - © James Camel / franks-travelbox
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Steuerzentrale für die Kernspaltung

Noch eine Etage tiefer liegt mit dem Steuerstabsantriebsraum die technisch faszinierendste Station im AKW. Hier konnten die atomspaltenden Kettenreaktionen in den Brennstäben gezielt unterbrochen und damit die Reaktorleistung gesteuert werden. Im Notfall wurden die Steuerstäbe mit Hilfe von Stickstoff innerhalb von 2 Sekunden zwischen die Brennstäbe geschossen, um die Kernspaltung zu stoppen. Ein Antriebsmotor und 6 der 484 Steuerstäbe sind heute noch zu Schulungszwecke vorhanden, der Rest wurde verkauft.

484 Steuerstäbe sollten die Kernspaltung in den Brennelementen des AKW Zwentendorf in Schach halten, Österreich - © James Camel / franks-travelbox
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Turbinenhalle und Schaltwarte

In der Turbinenhalle ist ebenfalls zu Schulungszwecken eine Niedertruckturbine aufgebaut, die durch zuvor getrockneten Dampf angetrieben wird und letztendlich mit 300 Umdrehungen pro Minute den Strom erzeugt.

Ein Besuch in der Schaltwarte beendet den Rundgang durch das AKW Zwentendorf. Obwohl die dort sichtbare Technologie aus den 1970er-Jahren stammt, sind die unzähligen Lämpchen, Knöpfe, Hebel und Detektoren ein faszinierender Anblick. Ein rot-weiß-rotes Telefon verband das AKW Zwentendorf damals direkt mit der österreichischen Regierung im Wiener Parlament.

Obwohl die dort sichtbare Technologie aus den 1970er-Jahren stammt, ist die Schaltwarte im AKW Zwentendorf ein faszinierender Anblick, Österreich - © James Camel / franks-travelbox
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Auch dieser Anblick ist Zivilisten normalerweise nicht gewährt, denn die Schaltwarten der heutigen Atomkraftwerke sind aus Sicherheitsgründen nicht einmal auf den Bauplänen verzeichnet. Die Uhr in der Schaltwarte zeigt übrigens 5 vor 12 – ein Hinweis darauf, dass der enorme Energieverbrauch der Menschheit unter Umstände überdacht werden muss…

Geschichte des AKW Zwentendorf

Die Errichtung des Kernkraftwerks Tullnerfeld wurde am 11.11.1969 beschlossen und am 4.4. 1972 begonnen. Der Siedewasserreaktor sollte 750 Megawatt Leistung bringen und 1,8 Millionen Haushalte mit Strom versorgen. Erbaut wurde das Kraftwerk zum Großteil von der VOEST und der Siemens AG, die Kosten beliefen sich auf rund 500 Millionen Euro. Der Betrieb sollte durch die Gemeinschaftskernkraftwerk Tullnerfeld GmbH (GKT) erfolgen, an der alle Energieversorgungs-Unternehmen Österreichs beteiligt waren.

Volksabstimmung mit Folgen

1976 war alles vorbereitet, 200 Kerntechniker mit jahrelanger Spezialausbildung und die sündhaft teuren Uran-Brennstäbe waren vorhanden, nur der Bescheid für die Inbetriebnahme der Regierung fehlte noch. Womit niemand gerechnet hat: Bei der am 5.11.1978 durchgeführten Volksabstimmung sprachen sich 50,47% der Österreicher gegen die Nutzung von Kernenergie aus. Der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky hatte vor der Wahl seinen Rücktritt verkündet, sollte das AKW nicht in Betrieb gehen. Inwiefern diese Aussage das Abstimmungsergebnis beeinflusste, sei dahingestellt. Das Kernkraftwerk Zwentendorf hat damit niemals Atome gespalten, sehr wohl aber Menschen und Meinungen.

Konservierungsbetrieb und Abrüstung

Die Eigentümer des Kernkraftwerks wollten nicht wahrhaben, dass ein Volksentscheid die Inbetriebnahme verhindern konnte und hielten die Anlage im so genannten Konservierungsbetrieb in Schuss. Die gesamte Mannschaft war vorhanden und wartete auf Tag X, an dem das Atomkraftwerk doch in Betrieb gehen würde. Bis 1985 blieb dieser Betrieb aufrecht und verschlang weitere 500 Millionen Euro. Danach wurden die Arbeiter abgezogen und das AKW Zwentendorf verkam zum Ersatzteillager für andere Kraftwerke. Als Stromliefer-Ersatz entstand das Kohle- und Gaskraftwerk Dürnrohr nur wenige Kilometer entfernt.

Serie der gescheiterten Vorhaben

Auch nach der Entscheidung gegen die Inbetriebnahme rissen die Misserfolge des AKW nicht ab. Wohl kaum ein anderer Ort in Europa kann eine derartige Geschichte des Scheiterns verbuchen – sowohl in der Zahl der misslungenen als auch in der Kreativität der seltsamen Projekte könnte das AKW Zwentendorf einzigartig sein. Das Museum der fehlgeschlagenen Technologien von Künstler Friedensreich Hundertwasser und der Friedhof der senkrecht Bestatteten von Unternehmer Udo Proksch sind nur zwei Beispiele der schrägen Ideen für das Areal des Kernkraftwerks. Das AKW hätte auch beinahe im Hollywood-Film „Meltdown“ mit Dolph Lundgren eine Rolle gespielt, nachdem aber die Produktionsfirma in Konkurs ging, sind stattdessen Aufnahmen eines Schweizer AKW zu sehen.

Einzigartiges Schulungszentrum für Kerntechniker

2005 kaufte die EVN das 24 Hektar große Kraftwerks-Gelände und installierte vier Jahre später Solaranlagen, die die umliegenden Haushalte mit Strom beliefern. Das Kraftwerk selbst wurde zu einem internationalen Sicherheits-Trainingszentrum, das von Kerntechnikern rund um den Globus genutzt wird. Reparatur-Arbeiten, Dichtungsanstriche und Werkzeuge im lebensgefährlichen Strahlungsbereich, die sonst nur mit Tauch-Robotern durchgeführt werden können, werden in Zwentendorf von Hand ausprobiert und getestet. Auch Rückbau-Arbeiten für abgeschaltete Kernkraftwerke, die mindestens hundert Jahre verstrahlt sind, sobald der Reaktor nur einmal eingeschaltet war, werden hier geübt. Somit hat die gigantische Havarie im Tullnerfeld bis heute nicht nur Symbolwirkung, sondern erfüllt auch einen praktischen Zweck.

Weiterführende Links:

Offizielle Website des AKW Zwentendorf