Jungfrauenturm in Baku, Aserbaidschan

Der Jungfrauenturm an der Küste der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku - © TravelPhotography / Fotolia
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Der mächtige Jungfrauenturm an der Küste Bakus gibt den Wissenschaftlern bis heute Rätsel auf. Weder die genaue Funktion noch wann oder von wem er gebaut wurde, ist bis heute geklärt. Fest steht, dass das sagenumwobene Bollwerk das Wahrzeichen Aserbaidschans und eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Bakus darstellt.

Der Jungfrauenturm, in der Landessprache „Qız Qalası” („Giz Galasi”), befindet sich an der Küste der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. Der als „mystischste und majestätischste Bau in Baku” beschriebene Festungsturm liegt im Südosten von Baku, im İçəri Şəhər genannten, noch teilweise ummauerten Teil der Innenstadt. Der knapp 30m hohe und 17m dicke Turm ist vermutlich ein Überbleibsel der früheren Stadtbefestigung. Er gilt als Wahrzeichen Aserbaidschans und ist auf dem 10-Manat-Schein zu sehen. Gemeinsam mit der gesamten İçəri Şəhər zählt der sagenumwobene Jungfrauenturm seit 2000 zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Die 4-5m dicken Mauern des Jungfrauenturms bestehen aus Kalkstein und umfassen in zylindrischer Form acht Geschoße mit gewölbten Decken, von denen in jeder ein drei Meter großes Loch in der Mitte ausgelassen wurde, durch das der Turm von oben bis unten auf natürliche Weise beleuchtet und belüftet wird. Im fünften Stockwerk führt eine früher durch eine Tür verschlossene Öffnung direkt ins Freie.

Das Erdgeschoß des Jungfrauenturms kann nur über eine Leiter erklommen werden, die bei Gefahr hochgezogen werden konnte. Bis zu 200 Personen konnten im Jungfrauenturm in Sicherheit gebracht werden. In die einzelnen Stockwerke führt eine schmale, leicht zu verteidigende Treppe an der Wand entlang. Die Trinkwasserversorgung war über einen 21m tiefen Brunnen gesichert.

Rätsel des Jungfrauenturms

Der Jungfrauenturm an der Küste der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku - © TravelPhotography / Fotolia
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Die genaue Funktion des Jungfrauenturms ist den Wissenschaftlern bis heute nicht bekannt. In die Wände des Jungfrauenturms sind konische Tonröhren eingelassen, deren Funktion ungeklärt ist. Eine Theorie ist, dass sie ebenso wie die Nischen im Inneren des Jungfrauenturms als Feuerstelle dienten, und dass der Turm als Feuerturm genutzt wurde, um den Göttern zu huldigen. Diese Vermutung wird durch die Tatsache unterstrichen, dass das Wort „Gal” in seiner aserbaidschanischen Bezeichnung „Giz Galasi” einerseits als „Festung” und andererseits als „Feuer machen” übersetzt werden kann. Andere Experten sehen im Jungfrauenturm ein ehemaliges Observatorium, durch dessen Deckenöffnungen der Lauf der Sterne beobachtet wurde.

Die schneckenförmige Architektur des Jungfrauenturms und der angeschlossenen Basteien lässt sich weder als türkischer noch als persischer Baustil einordnen. Die genaue Funktion und wer dieses Bollwerk erbaut hat, ist den Forschern seit Jahrzehnten ein Rätsel. Auch was das Alter des Turmes betrifft, gibt es widersprüchliche Aufzeichnungen, es wird jedoch vermutet, dass zumindest das Fundament, welches 15m tief in die Erde reicht, aus dem 5. oder 6. Jahrhundert stammt. Fest steht, dass der Turm Anfang des 19. Jahrhunderts und russischer Herrschaft noch einmal verstärkt wurde und so bis heute überlebte.

Über den Namen des Jungfrauenturms gibt es unzählige Legenden. So soll sich einst die Tochter des Khan von Baku, die vor ihrer arrangierten Ehe floh, im Turm eingesperrt, oder gar von seiner Spitze ins damals bis an den Turm heranreichende Kaspische Meer gestürzt haben. Das Drama wurde in vielen Gedichten verarbeitet und 1924 sogar zum Thema im ersten aserbaidschanischen Film. Über die tragische Geschichte der Prinzessin wurde 1940 ein Ballett geschrieben, welches in den Theatern und Opernhäusern von Baku aufgeführt wird. Eine weniger romantische Vorstellung spricht davon, dass der Turm die Bezeichnung der Jungfrau trägt, weil er nie eingenommen wurde oder weil sich in Kriegszeiten hauptsächlich Frauen darin verborgen hielten.

Heute fungiert der Jungfrauenturm als Museum, in dem Fotos, Kleidung und Alltagsgegenstände aus dem historischen Baku ausgestellt sind. Die Hauptattraktion des Jungfrauenturms ist jedoch der traumhafte Panoramablick über die historische Innenstadt Bakus und seine Bucht.